Unser Aids

Erinnerungsbuch

Mario Wirz

Ein neues Buch von Mario Wirz. Ein wundervolles Buch. Es soll seine letzten Gedichte enthalten? Unfassbar. In drei Jahrzehnten haben wir uns daran gewöhnt, dass er es immer irgendwie schafft. Er war der Beweis für die Möglichkeit der Wunder. Und jetzt ist es doch passiert.

In den goldenen 1970ern, wie tausende vor ihm und nach ihm, floh er die süddeutschen Vorgartenzwerge, kam ins Babel Berlin, ein blutjunger Schlaks. Verlor sich in der Männerwildnis, schrieb Gedichte, wollte Schauspieler werden. Ein winziges Zimmer im Hinterhaus, Neukölln, damals noch räudig, Armut und Suff. Hier traf ihn der Schock: HIV-positiv – damals ein Todesurteil. Sein Zimmerchen wurde zur Hölle. Er wartete, lauschte panisch auf Veränderungen des Körpers, in dieser furchtbaren Stille, der er Wort um Wort abtrotzte, besessen, wie es Beckett nannte, vom „alten Traum, der Sprachlosigkeit eine Form zu geben“. Sein nächtlicher Bericht Es ist spät, ich kann nicht atmen, machte ihn Anfang der 1990er bekannt. Lesereisen folgten, Einladungen in Talk-Shows, als „Aids-Diva“, wie er sich selbst manchmal nannte, nicht ohne Bitterkeit über das Schubfach. Denn es ist tatsächlich ein Blödsinn, das Thema hatte seinen Autor längst erwählt. „In meinen Nächten habe ich begriffen, dass es kein Bleiben gibt“, heißt es in einer Prosa des erst 22jährigen, lange vor seinem Testergebnis. Nicht bleiben zu dürfen, das ist der Schmerz, aus dem alles kommt, was später vielleicht Kunst heißt. Und das Schreiben half ihm überleben, sogar den ersten rabiaten Krebs vor zwanzig Jahren – er entkam, Jahr um Jahr, Buch für Buch.

Seine Texte feiern das Hiersein. Sie führten allmählich immer weiter hinaus aus der Sargenge der Angst, hoben ab, atmeten Welt. Mit der Zeit fiel eine Klangverschiebung auf. Ins ungestüme Bleiben-Wollen mischten sich versöhnliche Töne. Endlich, schon in seinen Vierzigern, verließ er die Neuköllner Studentenbude, wechselte ins betuliche Steglitz. Kafka lebte kurze Zeit in der ruhigen Straße, und die neue Wohnung hatte sogar einen kleinen Balkon. Überraschend gebar sein unverhofftes Entkommen ein anderes Drama, nie für möglich gehalten, das Altwerden.

„Mein Gesicht
das ich unterwegs verlor
vermisst der Spiegel
im Badezimmer
bettelt täglich
ein Fremder
um Nachsicht“

Erfolg erleichtert es, zur Nachsicht zu gelangen. Der Aids-Stempel verblasste. Wirz wurde als Dichter wahrgenommen, hielt Einzug in Anthologien und Literaturkalender, im Ausland erschienen Übersetzungen. Zu seinen Buchpremieren pilgerte eine wachsende Schar Mühseliger jeden Alters, keine Hipster. Nach der Lesung lange Schlangen beim Signieren. Wärme und Dankbarkeit. Hier hat einer Worte gefunden, wo wir andern stumm sind.

Das neue Buch ist André gewidmet, seit dreißig Jahren sein Gefährte. Er hat dem armen Poeten ein auskömmliches Leben ermöglicht. André brachte seinen Freund an die frische Luft, weit raus, bis ans Meer. Rügen wurde ihre Insel der Glückseligkeit. Ein Boot, ein Häuschen. Seewind pustet durch die Zeilen, frisches Material, Getier, die Natur, vielgestaltig. Konzentration und Einfachheit.

„Lehre mich wachsen
Baum
Lehre mich fallen
Blatt“

Das Versprechen der Verwandlung, Teil zu werden eines Ganzen, das fraglos fortbesteht.

„Die Haare vom Kopf
frisst mir
der Krebs
ist ein Vielfraß“

Vergangenen Herbst kamen schlimmste Befunde. Da wusste Wirz Bescheid.

„Erzähl mir die Geschichte
mit dem Wunder noch mal
bittet mich der Engel
und schläft ein“

Doch was vermögen schließlich Worte? Die Antwort auf das Sterben gibt höchstens der gelebte Augenblick.

„Kaum auszuhalten ist die Schönheit
des Schmetterlings
in dieser schwachen Stunde“

Diese letzten, schlanken Gedichte des Kranken treten behutsam auf. Die Welt ist aus dünnem Glas, wie das Glück. Hoffnung? Dass der Übertritt nicht schwer wird.

„Alle Schatten
lassen mich frei
ganz leicht
vergehe ich
auf meinem Weg
ins Licht“.

Rügen, geliebte Insel, von nun an darf er immer dort sein, unter einem Friedwald-Baum, ausgesucht zusammen mit André. Mario wurde 56 Jahre alt. Er starb am 30. Mai in einem Berliner Hospiz.

Mario Wirz: Jetzt ist ein ganzes Leben. Gedichte. Berlin: Aufbau 2013

Danke an D.O.N. für die Überlassung der Fotos und an Michael Sollorz für die Abdruckgenehmigung des Textes, der erstmals in Neues Deutschland, 1. Juli 2013, erschienen ist.

Mario Wirz im Sommer 2011, aufgenommen von D.O.N.