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Kunst

Aids und seine Metaphern

Der Titel von Susan Sontags Studie ist eigentlich ein Paradox: Denn die US-amerikanische Publizistin und Schriftstellerin kämpft mit diesem Buch darum, Krankheit nicht als Metapher zu beschreiben oder zu verstehen. Dieses Anliegen hatte sie schon Jahre zuvor in ihrem Buch Krankheit als Metapher verfolgt, hatte aufgezeigt, dass Kranke ihre Krankheit nicht nur als körperliches Unwohlsein erleben, das einer medizinischen Therapie bedarf: Kranke wurden und werden mit Bildern, Metaphern, konfrontiert, die ihre Krankheit “deuten”, also in einen Sinnzusammenhang stellen, der mit militärischen Vokabeln einen Kampf im Körper beschreibt, oder auch eine Bestrafung. Es sind diese rhetorischen Muster, die die Krankheit deuten und den Kranken in die Deutung einbinden.

Im Falle von Aids zeigt sich das gut an der Verwendung des Wortes “plague”, also Seuche, was der Übersetzer Holger Fliessbach mit “Plage” ins Deutsche überträgt. Und hier argumentiert Sontag, dass es bezeichnenderweise nicht jene Krankheiten sind, die am meisten Todesopfer fordern, die wir als Seuchen bezeichnen, nein, es sind jene, die in das rhetorische Muster des Wortes “plague” passen: Übertragen durch sexuelle Ausschweifung oder in ihrem Krankheitsverlauf den Körper entstellend, Krankheiten, “die aus der Fremde kommen”, deren “Eindringen” in “unsere Körper”, “unsere Gesellschaft”, “unseren Staat” als von außen, als feindselig, invasiv, geschildert wird. Sontag schreibt: “Unsere Leiber erleben keine Invasion. Der Körper ist kein Schlachtfeld. Die Kranken sind weder unvermeidbare Opfer noch Feinde.” Doch was tun, wenn nicht “zurückschlagen”, “sich wehren”, “kämpfen” gegen diese Metaphern, was erneut in der Sprache des Krieges geschieht? Sontag meint, man solle sie den “Kriegstreibern zurückgeben”, also uns selbst von ihnen befreien, sie verbannen aus dem kollektiven Unbewussten, indem wir sie selbst aus uns verbannen.

Susan Sontag: Aids und seine Metaphern. Übersetzt von Holger Fliessbach. München/Wien: Hanser 1989

Aids und seine Metaphern. Sontag, Susan